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30 Jahre GRÜNE in Essen
Das monatliche Interview:
Geburtstag: 30 Jahre GRÜNE in Essen
Gespräch über die Geburtsphase einer Partei:
Udo Steinhauer, Gründungsmitglied des Essener Kreisverbandes der Grünen, berichtet über die Gründung einer Partei
Der 3. Februar 1980, ein turbulenter Samstagabend im doch sehr beschaulichen Versammlungsort „Hotel Margarethenhöhe“ markiert die offizielle Geburtsstunde des heutigen Kreisverbands der Grünen in Essen. Schon bei den Kommunalwahlen im September 1979 hatte eine „Grüne Liste“ als Wählergemeinschaft immerhin den Achtungserfolg von 1,5% erzielen können.
Wenige Monate später gab es auch mehr als die amtlich notwendigen 7 Personen, um aus dem Kampf von Bürgerinitiativen gegen Umweltvergiftung und Atom-Staat die offiziell registrierte Partei „Die Grünen“ werden zu lassen. Eine Generation später gibt es rund 360 bündnisgrüne Mitglieder in Essen.
Der Mitgliederstärke nach sind Grüne also keine Volkspartei geworden. Erst recht wurden Grüne keine kurzlebig schillernde Seifenblase, sondern ein dauerhafter politischer Faktor. So erreichten Grüne bei den letzten Kommunal- und Bundestagswahlen, dass rund 24000 Wählerinnen und Wähler der Partei ihr Vertrauen geschenkt haben. Bei geringeren Prozentergebnissen, aber deutlich höherer Wahlbeteiligung als heute, konnten die Essener Grünen z. B. bei der Kommunalwahl 1994 auch schon mal über 40000 Wahlstimmen erzielen.
Gute Gründe, für den Grünen Newsletter, nachzufragen, was sich in dieser Bewegung unter zwischenzeitlich wechselnden Namen „Grüne Liste“, „Alternative – die Grünen“, „Grün-alternative Liste GAL“ bis zum heutigen „Bündnis 90 /Die Grünen“ in dreißig Jahren geändert hat. Sollte seit der Parteigründung auf der Margarethenhöhe bis zur aktuellen Themenarbeit im Kreisverbandsbüro an der Limbeckerstraße trotzdem ein roter, bzw. grüner Faden erkennbar sein?
Antwort auf diese Fragen kann ein Interview geben, das Walter Wandtke mit Udo Steinhauer führte, Essener Gründungsmitglied der Grünen.
Walter Wandtke:
Ich begrüße als Jubiläumsgast Udo Steinhauer, der nicht nur am 3. Februar 1980 als Gründungsmitglied des Essener Kreisverbands aktiv war, sondern auch in drei Jahrzehnten den Grünen treu geblieben ist.
Udo Steinhauer:
Als kurze Vorstellung. Ich bin Lehrer, genauer, ich bin in der Lehrerausbildung tätig. Zur Zeit arbeite ich in Düsseldorf und leite dort ein Seminar für die Lehrerausbildung. Ich führe dort eigentlich eine Arbeit weiter, wie ich sie damals als Zielsetzung für die Gründung der Grünen verstanden habe. Schon 1980 hatte mein ganzes Herz, meine Leidenschaft dafür geschlagen, etwas gegen die weitere Vergiftung unserer Umwelt zu tun.
W.
Zum Beginn der Geschichte der Essener Grünen gehört vielleicht doch ein Bild. Wie kann man sich diesen Gründungstag vorstellen? Hat da jemand ganz brav eine Tagesordnung abgearbeitet oder war vielen auch klar, es könnte passieren, das wir aus diesem Hotel wieder herausgehen, ohne dass es einen neuen Kreisverband gibt? Kannst Du Dich überhaupt noch genau an diesen Tag erinnern?
S:
Tja ich kann mich an diesen Tag nicht so besonders erinnern, weil er für mich nicht ganz so wichtig war und andere Ereignisse in diesen Tagen bedeutsamer waren. Grundsätzlich habe ich schon eine Erinnerung daran, weil dort erstmals die Chance ergriffen wurde, auf lokaler Ebene ein neues breites Spektrum für politisches Handeln zusammenzukriegen. Zuerst gab es natürlich heftige Diskussionen um Strukturen. Wollte man überhaupt so etwas wie eine klassische Partei werden? Es gab nicht weniger heftige Kontroversen um Ziele. Alles in allem war es eine chaotische Veranstaltung, aber so kannte ich das bereits von den Grünen her, für die es ja schon Vorläuferorganisationen gab.
W:
Chaotische Parteiveranstaltungen, das war ja über Jahre hinweg sozusagen ein Markenzeichen der Grünen. Krabbelnde Kinder im Versammlungssaal, strickende Delegierte, weiblich wie männlich, und eine Versammlungsleitung am Rande des Wahnsinns, um trotz aller Geschäftsordnungsanträge doch noch Ergebnisse mit nach Hause nehmen zu können. Augenscheinlich war doch hier eine neue Partei am Werk, wie man sie weder von CDU, SPD, der DKP oder den noch aktiven K-Gruppen kannte.
Tatsächlich muss die Grundlage dieser neuen Partei auch in Essen schon vor 1980 gewachsen sein. Immerhin gab es eine Grüne Kandidatur zur Kommunalwahl 1979. Warst Du da auch schon in diesem Umfeld aktiv, in dem dann die neue Partei aufbauen konnte?
S:
Da war so eine Vorläuferorganisation, die sich aus privaten Zusammenhängen her kannte. 1979 war das eine Gründung, die im Wohnzimmer von Manfred Dullien stattgefunden hatte.
In Manfred Dulliens Wohnung in der Hektorstraße kamen damals diverse Leute zusammen.
W:
Das war die Grüne Liste Umweltschutz, heute ist dieses Kürzel, glaube ich, nicht mehr so bekannt.
S:
Aber diese GLU schien uns etwas zu sein, das es wert war, sich dafür einzusetzen. Wir sind damals mit mehreren Leuten aus Essen zum Hauptbahnhof nach Düsseldorf gefahren. Eingeladen hatte ein damals in NRW recht bekannter eher konservativer Umweltinitiativler. Da kamen über 50 Leute aus ganz Nordrhein-Westfalen zusammen, die der irgendwie zusammengetrommelt hatte. Seine größte Sorge war dabei, es könnten Linke dabei sein. Wie man dann unschwer im Saal sehen konnte; es waren Linke dabei. Und dann wurde die Grüne Liste Umweltschutz für Nordrhein-Westfalen gegründet.
Kurz vorher hatte es in Niedersachsen eine Wahl gegeben, da hatte eine Grüne Liste über 3 % der Wählerstimmen erreicht. Das fanden wir gigantisch, denn bisher hatten wir angesichts der 5%-Klausel gedacht, es sei für kleinere Parteien schier unmöglich sich hier durchzusetzen. Nach diesem unerwarteten Erfolg haben wir mit den sieben Leuten, die wir hatten, eine kommunale Gruppe gegründet. Das war ja die gesetzliche Mindestgröße, die man auftreiben musste, um einen Verein, genauer eine Wählergemeinschaft zu gründen.
Dann wurde natürlich die ganze übliche Prozedur gemacht – einen Vorsitzenden, Schatzmeister, Protokollführer .wählen, wie es in den Statuten halt vorgeschrieben ist.
Dann haben wir Kandidaten aufgestellt Mich interessierte besonders der Essener Norden , weil ich erlebt hatte, dass es dort zementierte Verhältnisse gab. Und das reizte mich. In den siebziger Jahren hatte die SPD im Norden über 75% der Stimmen. Ich sagte mir – wollen wir doch mal sehen, ob das bei dieser Wahl so bleibt..
W:
Hier hake ich mal ein, denn wenn ihr mit nur 7 Leuten eure Grüne Liste gegründet hattet, war das doch eine Riesenleistung. Wie habt ihr das denn geschafft, überhaupt in den 42 Kommunalwahlkreisen in Essen Menschen zu finden, die Kopf und Namen für euch hergeben?
S:
Nein, wir haben nur in einigen Stadtteilen kandidiert. Das war für uns ein Test dessen, was möglich war. Das Wahlergebnis war dann eine erste Ermutigung. Schließlich konnten wir keine Kandidaten aus dem Hut zaubern. Eine Gesamtkandidatur für Essen war ein Projekt, das wir uns für später vorgenommen hatten. Von unserer Analyse und von unserem Gefühl bei unseren Veranstaltungen in der Stadt musste das auch klappen. Das Thema lag in der Luft und an der Luft; es war dreckig. Der Mythos, solange die Schornsteine rauchen, geht es uns gut, den wollten wir knacken.
W:
Eigentlich hatte sich damals die SPD nach dem berühmten Spruch Willi Brandts vom „blauen Himmel an der Ruhr“ den Umweltschutz doch selbst auch auf die Fahnen geschrieben. War dann aber trotzdem die Glaubwürdigkeit der SPD für die meisten schon hin?
S:
Ja, es gab keine Verbindung mehr in die SPD. Zu der Zeit war es ja nicht mehr die SPD Willi Brandts, sondern die Helmut-Schmidt-Partei. Wir Umweltschützer wurden einfach als Spinner abgetan. Wir waren jung, wollten ausprobieren, was geht. Wir fühlten uns in diesen Umweltfragen auch als Pioniere.
W:
Zum andern heißt das aber doch auch, bei diesen Grünen Pionieren war die Stimmung dann eher links. Was man in Artikeln über die Gründungsphase der Grünen in Deutschland so liest, dass sich da unter Naturschützern auch braunes Volkstum und rechte Kleinparteien in die frühen Grünen gemogelt haben, das war in Essen kein Problem?
S:
Also innerhalb unserer eigenen Organisation in Essen nicht. Aber es war durchaus ein Problem woanders. Es gab dann ja auch bald eine Spaltung in eine GAZ – Grüne Aktion Zukunft, das war diese Gruhl-Richtung, der weit bekannte konservative Bundestagsabgeordnete, der aus der CDU ausgetreten war, da er mit seiner Umweltpositionen bei seiner Partei kein Gehör fand, und unserer anderen Richtung, den jetzigen Grünen.
Diese GAZ war dann die Vorläuferorganisation der jetzigen ÖDP, der Ökologisch demokratischen Partei, die in Süddeutschland und kleineren Gemeinden bis heute eine gewisse Rolle spielt.“
Welche konkreten Ziele die Grünen in ihren frühen Jahren in unserer Region vertreten haben und auch mit welchem Personal, wird in der Fortsetzung des Interviews verraten.
Walter Wandtke







